Was kann interventionelle Radiologie?
Mehr als nur Bilder. Mit Prof. Dr. med. Thomas Helmberger, Interventioneller Radiologe aus München. Zu Gast bei Prof. Dr. Peter Minko.
Die Folge in 60 Sekunden
Interventionelle Radiologinnen und Radiologen behandeln durch einen Pikser in der Leiste oder am Handgelenk, gesteuert über Bilder. Ein großer Schnitt ist dafür nicht nötig.
Meist reicht eine örtliche Betäubung. Wer möchte, bekommt etwas zur Beruhigung.
Das Spektrum reicht „von der Locke bis zur Socke“: Schlaganfall, verengte Beinarterien, Blutungen, Tumoren in der Leber, Gewebeproben.
Eine kleine Lebermetastase lässt sich oft in wenigen Minuten mit Mikrowellen behandeln, ohne Vollnarkose. Am Nachmittag ist man wieder auf Station.
Was ist interventionelle Radiologie? Mehr als nur Bilder
Aus Folge 01 mit Prof. Dr. med. Thomas Helmberger8 Min. Lesezeit
„Ach, das sind die mit dem Herzen?“ Läuft gerade
Wenn Thomas Helmberger auf einer Party erzählt, dass er interventioneller Radiologe ist, kommt oft dieselbe Antwort: „Ach, das sind die mit dem Herzen.“ Nein, sagt er dann, das haben wir zwar mit erfunden, aber wir sind die anderen. Strahlentherapie ist es auch nicht.
Röntgen, CT und MRT kennen die meisten. Interventionelle Radiologinnen und Radiologen nutzen diese Bilder, um zu behandeln. Durch einen Pikser in der Leiste oder am Handgelenk gelangen sie in Gefäße und Organe. Sie entnehmen Gewebeproben, ohne den Körper aufzuschneiden, und behandeln über die Gefäße direkt im Gewebe.
„Das ist vielen nicht klar, dass wir eigentlich die Problemlöser sind.“
Was auf dem Tisch passiert Läuft gerade
Geplante Eingriffe beginnen nicht auf dem Tisch, sondern mit einem ausführlichen Gespräch. Oft haben vorher mehrere Fachrichtungen gemeinsam beraten. Helmberger hat Katheter und Nadel immer im Schreibtisch und gibt sie seinen Patientinnen und Patienten in die Hand. Ein Mikrokatheter misst 0,6 Millimeter. Spätestens dann sei das Eis gebrochen.
„Ich habe im Schreibtisch immer Katheter und Nadel liegen. Das ist alles, was Sie sehen werden.“
Der Eingriff selbst läuft steril ab, wie im OP. Die Einstichstelle wird örtlich betäubt, eine Vollnarkose braucht es nicht. Wer aufgeregt ist, bekommt etwas zur Beruhigung. Das Kontrastmittel, das die Gefäße sichtbar macht, fühlt sich warm an. Bei schwachen Nieren kann man stattdessen CO₂ verwenden.
Ein Beispiel ist die Schaufensterkrankheit: Eine verengte Beinarterie lässt nur noch kurze Wege zu. Ein haarfeiner Draht passiert die Engstelle, dann folgt ein Ballonkatheter. Der Ballon wird mit Flüssigkeit aufgeblasen, mit 8 bis 10 bar. Bleibt das Gefäß danach nicht offen, stützt ein Stent, ein feines Metallgitter.

Von der Locke bis zur Socke Läuft gerade
Es gibt kaum eine Körperregion, in die interventionelle Radiologinnen und Radiologen nicht gelangen. Selbst die Gefäße am Unterschenkel mit 1 bis 1,5 Millimetern sind erreichbar. Und im Notfall zählt jede Minute, etwa beim Schlaganfall: Mit einem winzigen Fangkorb wird das Gerinnsel aus der Hirnarterie geholt.
Krebs behandeln ohne großen Schnitt Läuft gerade
Helmberger erzählt von einem bekannten Münchner mit Leberkrebs, bei dem die Chemotherapie nicht half. Seine Hausärztin schickte ihn zur Zweitmeinung. Der Tumor war auf einen Knoten begrenzt und ließ sich gezielt behandeln: mit einer inneren Strahlentherapie, bei der strahlende Kügelchen über einen Katheter direkt in die Gefäße des Tumors gelangen. Das schont die übrige Leber.
Kleine Lebermetastasen lassen sich mit Hitze behandeln. Eine dünne Sonde wird durch die Haut eingeführt, Mikrowellen verkochen den Tumor. Bei einer Metastase von 2 Zentimetern dauert das laut Helmberger acht bis neun Minuten, ohne Vollnarkose. Am Nachmittag sind die Patienten wieder auf Station. Die Leitlinie sieht für solche Fälle das am wenigsten belastende Verfahren vor, sagt er.
„Kein Patient fragt nach dem progressionsfreien Überleben. Der fragt: Wie lange lebe ich denn noch, und wie geht es mir dabei?“
Weitere Beispiele aus dem Gespräch: das Osteoidosteom, ein schmerzhafter gutartiger Knochentumor, den man laut Helmberger kaum noch operieren sollte. Und Ports, kleine Zugänge unter der Haut für Langzeittherapien.

Warum kaum jemand das Fach kennt Läuft gerade
Für Helmberger hat das viel mit dem alten Selbstverständnis der Radiologie zu tun. Lange saß der Radiologe in seiner „Höhle“ und schaute Bilder an. In manche Röntgenabteilungen kam man gar nicht hinein, Befunde kamen handschriftlich zurück. Chirurgen und Onkologen waren für Patienten sichtbar, Radiologen nicht.
Dazu kommen Anreize im Gesundheitssystem, die eher belohnen, was Erlöse bringt, als zu fragen, wie es Patienten danach geht. Die Fachgesellschaft DeGIR führt inzwischen ein bundesweites Qualitätsregister, in dem Eingriffe, Erfolge und Komplikationen dokumentiert werden.
KI, Roboter und ein Plan bis Z Läuft gerade
Künstliche Intelligenz nutzt die Radiologie seit Jahren, um Muster zu erkennen. Wichtiger wird sie, weil die Bilderflut wächst. Früher passte eine Untersuchung des Bauchs auf 96 Bilder. Heute liefert ein CT schnell 6.000 Bilder pro Untersuchung, die mit Voraufnahmen verglichen werden müssen. Das geht nur mit technischer Hilfe.
Auch bei Eingriffen hilft Software schon heute: Moderne Anlagen zeigen den besten Weg zum Tumor als Linie, der man folgen kann. Roboter könnten Eingriffe einmal aus der Ferne ermöglichen. Ob sich das durchsetzt, ist für Helmberger auch eine Kostenfrage.
Und wie bereitet man sich auf einen schwierigen Eingriff vor? Wie ein Rennfahrer, der die Strecke vorher zu Fuß abläuft: Helmberger spielt den Eingriff im Kopf durch, bevor er an den Tisch tritt.
„Du brauchst nicht nur einen Plan A, sondern bis Plan Z.“
Peter Minko nennt ihn am Ende den Architekten der interventionellen Radiologie. Passend dazu: Wäre Helmberger nicht Arzt geworden, dann wohl Architekt.
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